Sollen Baptisten den Reformationstag feiern?

Sollen Baptisten überhaupt Feste des Kirchenjahrs feiern? Auf der Bundekonferenz der deutschen Baptisten in Hamburg 1849 stellte der Abgeordnete Klinker den Antrag, überhaupt keine Festtage außer dem Sabbat zu feiern, denn der Sabbat sei in der heiligen Schrift geboten, die Kirchenfeste dagegen nicht. Unter Sabbat verstand er den Sonntag. Diese fromme „Geheimsprache“ war damals bei den deutschen Baptisten üblich, denn aus dem englischsprachigen Protestantismus hatten sie die Auffassung übernommen, daß der Sabbat im Neuen Testament nicht aufgehoben, sondern auf den Sonntag verschoben worden sei. Die Konferenz diskutierte Bruder Klinkers Antrag und kam zu dem Ergebnis, „daß die Festtage nicht als göttliches Gebot zu betrachten und zu halten sind.“

Aber warum sollte man die Gelegenheit zur Verkündigung verstreichen lassen, wenn Menschen an bestimmten Tagen mit einer bestimmten Erwartungshaltung zum Gottesdienst kommen? Der zweite Teil des Konferenzbeschlusses war daher die Faustformel, daß die Feste des (evangelischen) Kirchenjahrs von den Gemeinden trotzdem „zur Erbauung der Gemeinde oder zum Heile anderer benutzt werden können.“ Besonders wichtig war dieser Beschluß für die Kinderarbeit. In der Sonntagsschularbeit, mit der vorwiegend gemeindefremde Kinder erreicht wurden, waren die Weihnachtsfeiern oft die Höhepunkte des ganzen Jahres. Dabei waren die Gemeinden gewissenhaft darauf bedacht, daß das Fest nicht mehr als ein Mittel zum Zweck der Verkündigung des Evangeliums sein soll. Wohldosiert und mit Bedacht wurde dafür dann auch auf das übliche Weihnachtsbrauchtum zurückgegriffen.

Die gesetzlich strenge Beobachtung des Sonntags als christlicher „Sabbat“ gehört im deutschen Baptismus längst der Vergangenheit an. Den bibelfesten Baptisten fiel 1912 bei der Neufassung ihres Glaubensbekenntnisses auf, daß es im Neuen Testament gar keinen Beleg dafür gibt, daß der Sabbat auf den Sonntag verschoben sei. Schon viel früher hatte man die anfänglichen Bedenken gegen die Feiertage aufgegeben. Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten hatten schon im 19. Jahrhundert einen festen Platz im baptistischen Gemeindeleben. Die Feste des Kirchenjahrs haben sich bewährt als sinnvolle Ordnungen, sowohl zur „Erbauung der Gemeinde“ als auch zur Verkündigung des Evangeliums „zum Heile anderer“.

Anders war es in vielen Gemeinden mit dem Reformationstag. Mit ihm konnte eine starke Fraktion innerhalb des deutschen Baptismus lange nichts anfangen – bis vor wenigen Jahren aus Amerika das kitschige Halloween-Fest nach Deutschland herüberschwappte, von dem man die eigenen Kinder und möglichst auch die der Nachbarn durch ein attraktives Gegenangebot fernhalten möchte. Auch solche Gemeinden, die früher nie besondere Veranstaltungen am Reformationstag hatten, bieten seit dem Aufkommen der (inzwischen wieder deutlich abklingenden) Halloween-Welle Reformations-Kinderfeste oder Reformations-Vorträge für Erwachsene an.

War wirklich erst Halloween nötig, damit Baptisten darüber nachdenken, wie sie den Reformationstag sinnvoll gestalten können? Eigentlich hätte man auch früher darauf kommen können. Es geht am Reformationstag ja nicht um einen Luther-Kult, es hat auch nicht eine der evangelischen Kirchen diesen Tag für sich gepachtet. Es geht um die wesentlichen Dinge: Daß allein in Christus das Heil zu finden ist. Daß die heilige Schrift der alleinige Maßstab für die Wahrheit ist. Daß der Mensch allein aus Gnaden vor Gott bestehen kann im Leben und im Sterben. Daß christliche Freiheit das Vorzeichen des Lebens im Glauben ist. Daß ein Glaubender ein sündiger Mensch ist und doch gerecht in Christus. Der Reformationstag ist also auch eine Gelegenheit, nach innen und nach außen klarzumachen, daß Baptisten in allen wesentlichen Artikeln des Glaubens einig mit den übrigen evangelischen Christen sind.

Das Thema Reformation erweist sich als Steilvorlage, die direkt zum Kern des christlichen Glaubens führt. Jede einzelne der reformatorischen Kernaussagen lohnt ein Abendprogramm mit anschließender Aussprache, um sie auf ihre Relevanz für die Gegenwart und das eigene Leben zu befragen. Sich Jahr für Jahr auf die Bedeutung der Reformation zurückzubesinnen, dazu auch Freunde und Gäste einzuladen, ist für eine Baptistengemeinde ebenso sinnvoll wie für alle übrigen evangelischen Christen. Mit der Faustformel von 1849, daß ein Feiertag „zur Erbauung der Gemeinde oder zum Heile anderer“ sinnvoll genutzt werden möge, ist also eigentlich schon alles gesagt, was es zum Reformationstag zu sagen gibt. Und für die Kinder kann man sicherlich auch wohldosiert und mit Bedacht auf allerlei Refomations-Gedenk-Brauchtum zurückgreifen.

Martin Rothkegel (Dr.Martin Rothkegel unterrichtet Kirchengeschichte am Theologischen Seminar des BEFG/ Elstal)